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Psychologische Beurteilung des Kindeswillens im Familienrechtskonflikt

Im Rahmen der Veranstaltung „Kindeswohl braucht Eltern(-wohl)?“ am 15./16. Oktober 2018 in Fulda hielt aus meiner Sicht Prof. Dr. H. Dettenborn den interessantesten Vortrag. Sein Thema war die

 

Psychologische Beurteilung des Kindeswillens im Familienrechtskonflikt.

 

Ob der Kindeswille berücksichtigt wird oder nicht, hängt nach Ansicht von Prof. Dettenborn von der konkreten Lebenserfahrung der jeweiligen Richter und Gutachter ab. Dabei herrsche aus seiner Sicht oft reine Willkür, ob er berücksichtigt wird oder nicht. Tatsache sei aber, wenn er berücksichtigt wird, dann gibt es eine einvernehmlichere Lösung.

Der Kindeswille sei dabei aber nur ein(!) Kriterium des Kindeswohls. Andere Kriterien seien z.B. die Ergebnisse aus der Beziehungs- und Bindungsanalyse zu den Eltern, die Resilienz des Kindes, der Beziehungskontext der Eltern u.a. Der Kindeswille würde jedoch oftmals von Eltern für deren Interessen ausgelegt: z.B. wenn sich ein Elternteil gegen den anderen durchsetzen wolle.

Aber was genau ist der Kindeswille? Das sei nicht eindeutig definiert und wird oftmals für jede Interessenslage ausgelegt, z.B. „vernünftiger“ Wille oder „reflektierter“ oder „begründeter“ Wille oder „wohl verstandenes“ oder „objektives“ Interesse des Kindes. Kindeswille sei wie eine Währung, die überall gilt. Sie hat in den unterschiedlichsten Bereichen Erklärungswert, auch wenn es oftmals reine Vermutungen sind und diffuse Auslegungen erfolgen. Die Definition nach Dettenborn lautet: „Der Kindeswille ist die altersgemäß stabile und autonome Ausrichtung des Kindes auf erstrebte, persönlich bedeutsame Zielzustände“.

 

Die Mindestanforderungen dafür, wann man vom Kindeswillen sprechen kann sind:

  1.  Zielorientierung
  2.  Intensität (Ziele werden mit Nachdrücklichkeit und Entschiedenheit angestrebt, Beharrungsvermögen)   
  3.  Stabilität (Beibehaltung der Willenstendenz über eine angemessene zeitliche Dauer gegenüber verschiedenen Personen und unter verschiedenen Umständen)
  4.  Autonomie (Ausdruck der individuellen eigenen Bestrebungen und der Selbstwirksamkeitsüberzeugungen des Kindes. Das schließt nicht aus, dass Fremdeinflüsse an der Formierung des Willens beteiligt waren.) Eine mangelnde Autonomie zeigt sich z.B. bei Stereotypen und bei erwachsener Sprache.

Um das Kindeswohl zu sichern sollte man daher dem Grundsatz folgen: Soviel Akzeptierung des Kindeswillen wie möglich und soviel staatlich reglementierender Eingriff wie nötig. Dabei sollte eine differenzierte Risikoabwägung unternommen werden und eine Prüfung möglicher Gefährdungen in beiden Richtungen erfolgen. Also für den Fall, dass dem Kindeswillen stattgegeben wird und dem, dass ihm nicht gefolgt wird!

Bei der Frage, ab welchem Alter aus psychologischer Perspektive der Kindeswillen berücksichtigt werden soll gibt es die unterschiedlichsten Ansätze. Zwischen 0 und 14 Jahren sei je nach Ansicht der Gutachter, Verfahrensbeistände oder sonstigem Personal käme es z.T. zu völlig willkürlichen Entscheidungen. Dabei würden altersgerecht entwickelte Kinder tatsächlich schon Erstaunlich früh, nämlich mit 3-4 Jahren, die notwendigen psychischen Kompetenzen, um einen psychologisch und rechtlich beachtenswerten Willen haben und äußern zu können. Sie könnten z.B. externe Informationen von der eigenen Meinung unterscheiden, absichtliche von versehentlich erfolgten Handlungen differenzieren, seien fähig zur emotionalen Perspektivübernahme und könnten Reaktionen vorhersagen. Daher sei der Kindeswille ab 3/4 Jahren bedeutsam und sollte berücksichtigt werden!

Die Ansicht, der Wille kleinerer Kinder sei prinzipiell weniger differenziert, vernünftig und beachtlich, wäre ein Vorurteil und gefährde die Diagnostik am meisten. Es sei nicht gerechtfertigt, irgendeine Altersstufe als generell defizitär, als Minus-Variante des Erwachsenenwillens anzusehen! Rational fundiert heiße nicht immer vernünftiger oder respektabler! Die Wahrheit für Altersgrenzen liege daher eher im Kontext. Dieser bestehe aus dem Entwicklungsstand eines Kindes, der Art der rechtlichen Fragestellung und den sozialen Rahmenbedingungen.

Die Vorbehalte bzw. Widerstände, den Kindeswillen nicht miteinzubeziehen entstünden vor allem, um die Entscheidung nicht zu kompliziert zu machen, dem Kind zu viel Verantwortung aufzubürden oder weil das Kind zu jung, zu unreif bzw. der Kindeswille manipuliert oder manipulierbar sei. In Wirklichkeit stünden hinter den Rationalisierungen Ängste, Unsicherheit, Kompetenzzweifel in Bezug auf die Kommunikation mit Kindern, die Meidung von Komplexität in der Entscheidungsfindung und nicht zuletzt, der Unwille darüber, dass eine Entscheidung wieder infrage gestellt werden könnte.

Vielmehr müsse man Sonderkonstellationen des Kindeswillens differenzieren. Dazu gehören:

 

  1.  der selbstgefährdende Kindeswille: In diesem Falle habe das Kind eine verfehlte Nutzenerwartung, eine verfehlte oder fehlende Schadenseinschätzung bzw. verfehlte Realisierungseinschätzungen. In diesem Falle müsse der Schutzbedarf für das Kind in den Vordergrund treten.
  2.  der induzierte Kindeswille: Dieser entstehe durch Beeinflussung oder als Ergebnis einer Manipulation. Dabei müsse genau geprüft werden, ob das wirklich der Fall sei oder nicht. In der Regel werde Manipulation so verstanden, als ob sie Selbstbestimmung verhindert. Aber es werde dabei oft übersehen, dass es dadurch oftmals auch eines aktiven Teils des Kindes bedarf! Die elterliche Perspektive gehe über ins Kind. Es ist oftmals Teil der kindlichen Strategie, einen Schuldkomplex oder Ohnmacht zu überwinden. Es selbst sei dabei aktiv, gewinne durch diese Perspektivverinnerlichung Handlungsfähigkeit wieder und stärke seine Selbstwirksamkeit. Es entstehe also eine neue psychische Realität (Verinnerlichung), zu der das Kind aktiv beiträgt. Dadurch würden seine Dissonanzen reduziert und es erreiche einen Initiatorstatus, durch den es wieder handlungsfähig würde.

Diese Sonderkonstellationen des Kindeswillens zu ignorieren, könne eine sekundäre Kindeswohlgefährdung bedeuten. Daher sei es sehr wichtig, eine qualitativ hochwertige Diagnostik nicht zu unterschätzen! Es mangele zwar an standardisierten Verfahren. Für geschultes Personal wie Psychologen, Pädagogen oder Psychiater sei jedoch oft gut erkennbar, in welchem Stadium der Willensbildung das Kind ist. Zudem sei die Beziehungs- und Bindungsdiagnostik wichtig. Es mangele jedoch häufig an ausreichend ausgebildetem Fachpersonal! Es gäbe zwar zertifizierte Gutachter, jedoch nähmen 80% der Richter trotzdem oft die günstigeren, prüften Zertifikate nicht und Titel seien nicht geschützt. Zudem sollten Familienrichter spezieller ausgebildet werden. In Berlin gäbe es während des Studiums Familienrecht bisher nur als Teil des Zivilrechts.

Meist würde der Kindeswille im Gespräch zu erfassen versucht, oft willkürlich, von der Anhörung bis zur Exploration.

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Kommentare: 1
  • #1

    Tina (Samstag, 19 Oktober 2019 07:12)

    Wie erkennt man denn einen guten Gutachter?