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Wenn die Professionen versagen

Ein Beispiel, was passieren kann, wenn selbst die begleitenden bzw. unterstützenden Professionen in den Sog der Vermutung psychischer Krankheiten als Ursache für den Beziehungs- bzw. Trennungsstress geraten: Ich habe vor etwa drei Jahren einen Fall übernommen, bei dem zuvor bereits der Vater das alleinige Aufenthaltsbestimmungsrecht (ABR) in einem Sorgerechtsstreit erhielt. Dieser ist dann mit dem gemeinsamen, noch nicht einmal zweijährigen Kind in eine ca. 200 Kilometer vom ehemaligen Wohnort entfernte Stadt gezogen, was vor der ABR-Entscheidung nicht bekannt war und wovon auch nicht ausgegangen werden konnte. Die Mutter begehrte die Rückführung des Kindes.

 

Die Vergabe des alleinigen ABR ist ein entscheidungsorientiertes Instrument, das in den wenigsten Fällen Ruhe in die Situation bringt, wie auch dieser Fall zeigt. Die Mutter hatte das ABR verloren, weil sie sich im Endstadium der Beziehung in stationäre psychologische Hilfe begeben musste (Kurzfassung!). Dies brachte Jugendamt und Verfahrensbeistand dazu, die Empfehlung auszugeben, das Kind hauptsächlich beim Vater betreuen zu lassen. Der Vertreter vom Jugendamt hat es nicht einmal für nötig gehalten, die Mutter anzuhören, bevor er sich eine Meinung bildete. Der Verfahrensbeistand hätte nur kurz mit dieser gesprochen, weil sein Auto mangels Parkfläche in dieser Zeit im Parkverbot gestanden hätte. Eine wirklich tiefgründige Beschäftigung ist nach mir vorliegender Aktenlage nicht erfolgt. Offenbar war er von der einseitigen Stellungnahme des Jugendamtes bereits beeinflusst.

 

Als ich den Fall übernahm, war mir nach den Gesprächen mit den Eltern sehr bald klar, dass die psychischen Auffälligkeiten der Mutter nicht nur aufgrund des als Kind selbst erlebten sexuellen Missbrauchs, sondern vor allem auch aufgrund der destruktiven Situation einer sogenannten On-Off-Beziehung mit massiven psychischen Druck vom Ex-Partner ausgelöst wurde. Letztlich haben sich wohl beide Seiten nicht viel genommen, weil beide unter Druck standen und mit der Situation überfordert waren.

 

Ein lösungsorientiertes Gutachten empfahl ein Wechselmodell im zweiwöchigen Rhythmus. Ich hatte zunächst Bedenken gehabt, weil ich davon ausgegangen bin, dass für ein Kleinkind ein solcher zeitlicher Abstand von einer wichtigen Bezugsperson viel zu groß sei. Zudem wird in solchen Gutachten dem Kontinuitätsprinzip oft die entscheidende Bedeutung zuerkannt. In unserem Fall jedoch schien es wichtiger, die anfangs enge Bindung zur in den letzten Jahren stark ausgegrenzten Mutter wieder zu stärken. Wenn die Eltern das Kind in der Zwischenzeit beim jeweils anderen besuchen und während der Arbeitswoche die elektronischen Medien für den Kontakterhalt nutzen, dann erscheint das durchaus als sinnvolle Lösung. Allerdings wird man in drei-vier Jahren noch einmal vor die Frage gestellt, wie eine möglichst enge Betreuung durch beide Elternteile erfolgen kann, wenn das Kind eingeschult werden soll.

Soweit kam es leider nicht. Völlig destruktive Anwälte auf beiden Seiten haben jeden Keim einer Chance völlig zunichte gemacht. Der Fall liegt seit mehreren Monaten beim Oberlandesgericht und Corona hat seinen Teil dazu beigetragen, dass sich das Verfahren weiter hinzieht. Der Zug ist wohl abgefahren...

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