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Sie reden nicht mehr schlecht übereinander oder: 20 Wünsche von Trennungskindern

Seit geraumer Zeit bin ich der „Anwalt“ von Ferdinand (Name geändert), 13 Jahre. Seine Mutter stellte einen Antrag, dass er nach seinem Wunsch nicht mehr alle 14 Tage, sondern nur noch alle 4 Wochen und auch nur noch von Freitag bis Sonntag zu seinem Vater geht, der vor einem halben Jahr erst näher zu ihm gezogen war, um das Wechselmodell zu probieren. Nach einer Woche ist F. aus diesem aber wieder ausgestiegen. Seither kriselt es zwischen seinem Vater und ihm. In der Tat scheint sein Vater sehr strikt in der Anwendung von jeglichen Regelungen. Jeder einmalige Änderungswunsch der Mutter muss gehandelt werden wie auf dem Basar. Eine einmalige, einseitige Regelverschiebung durch die Mutter aus wichtigen familiären Gründen führte früher sofort zu einer Klage beim Familiengericht. Auch die vereinbarten täglichen Telefonate, auf die ein Pubertier wohl keinen Bock mehr hat, wurden lange minutiös durchgesetzt. Eine jahrelange, regelmäßige Elternberatung konnte immerhin weitere Gerichtstermine verhindern, hat aber auch nicht dazu geführt, dass die Eltern allein miteinander reden können.

 

Als ich mit F. sprach, fiel mir der Widerspruch auf, dass er einerseits die sehr verschiedenen Persönlichkeiten seiner Eltern für sich sehr prägend-wichtig betrachtete, um in unterschiedlichen Problemsituationen auf jeweils die geeignete Strategie zurückgreifen zu können. Und immerhin wollte er gerade noch das Wechselmodell probieren. Und jetzt der Schwenk, quasi kaum noch zu seinem Vater gehen zu wollen. Im Verlauf der Gespräche bemerkte ich, dass zwar durch die Beratungsstelle viel Konfliktstoff zwischen den Eltern aufgefangen wurde, aber es immer wieder zu Konflikten kam, in denen die Frontlinie vor allem zwischen F.´s Vater sowie Großmutter mütterlicherseits verlief, die mit im Haushalt der Mutter wohnte. Offenbar hatten die rigiden Umgangsdurchsetzungen des Vaters dort derart für Unmut gesorgt, dass dieser dafür permanent mit Ablehnung bestraft wurde, was diesen wiederum wütend machte und sein entsprechendes Feedback den mütterlichen Teil der Familie noch mehr in Rage brachte, wie es Helge Schneider beim „ewigen Hin und Her“ in seinem „alten Reinhold-Helge-Spiel, wo man bekloppt von wird“ berichtet.

 

Leider war das für F. nicht so lustig. Zumal er in beiden Haushalten ständig mit den Beschimpfungen des anderen Teils seiner Identität konfrontiert wurde. Und keiner wird zur Problemlösung darauf hoffen können, dass einer der Elternteile wie einst Reinhold einfach im Loch verschwindet und alle Streitpunkte damit gelöst sind. Es kann sogar sein, dass durch den Versuch des Wechselmodells die Situation noch angespannter wurde und überhaupt erst zum aktuellen Konflikt führte. Allerdings ist ein Wechselmodell in diesem Alter selten noch adäquat zu den Bedürfnissen der Kinder, allenfalls noch zu denen des bislang beim Umgang benachteiligten Elternteils.

 

Es war für mich allerdings schwer, dieses „ewige Hin und Her“ genau zu analysieren. Ohnehin macht es aus lösungsorientierter Sicht keinen Sinn, den genauen Ursprung der Probleme zu suchen, das wäre müßig. Jede Seite hat seine eigene Version davon. Das Problem für mich war die inhaltlich sehr komplexe Konfliktsituation. Ich hatte deshalb die Idee, die „20 Wünsche von Trennungskindern“ zum nächsten Termin bei der Mutter mitzunehmen. Darin sind alle Probleme, mit denen Kinder in dieser Situation zu tun haben, erfasst. Bei dem Besuch im mütterlichen Haushalt habe ich mit ihr und den Großeltern eine Art Lesekreis gebildet und darum gebeten, dass wir der Reihe nach die 20 Wünsche vorlesen. Das hat offenbar sehr großen Eindruck gemacht. Wir mussten noch klären, welchen Sinn es mache, sich über die empfundenen Abwertungen von F.´s Vater weiter aufzuregen und ob man dabei von Schuld sprechen kann, wenn doch jeder auch das Produkt seiner Umwelt ist und in der Kindheit besonders geprägt wird. Am Ende macht man sich selbst kaputt. Und nicht nur das Kind. Plötzlich waren sie auch offen, die Kontakte zum Vater zu fördern, statt sie über ein Gerichtsverfahren zu reduzieren.

 

Natürlich habe ich dem Vater die „Wünsche“ auch überreicht. Als ich danach mit F. wieder telefonierte haben sich bei diesem zwei Dinge geändert. Zunächst erklärte er mir, dass die Eltern nicht mehr über den jeweils anderen Teil reden. Ich empfahl ihm, im Falle von Wiederholungen selbstbewusst über seine Wünsche zu reden. Als ich ihn nochmal fragte, ob er mit seinem Vater jetzt zur Beratungsstelle gehen will, wie wir beim letzten Mal überlegt hatten, sagte er mir ganz fest: Das brauche ich nicht mehr. Das bekomme ich mit ihm jetzt selbst hin…

 

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