Endlich konnte er Mama und Papa wieder zugleich in den Arm nehmen

Ich möchte heute von einem rührenden Erlebnis berichten, das ich mit meinem letzten kleinen Mandanten, nennen wir ihn hier einmal Luis, vor dem Familiengericht erfahren habe. Die Eltern von Luis streiten sich seit dem Auszug seiner Mama aus dem bislang gemeinsamen Haus. Immerhin ist kurzfristig eine Umgangslösung vereinbart worden: ein wöchentliches Wechselmodell, wobei dieses für den vierjährigen Luis, der ein ganz anderes Zeitverständnis und Flexibilitätsbedürfnis hat als Erwachsene, eine echte Überforderung darstellte. Vor allem deshalb, weil sein Papa keine Zwischenkontakte innerhalb der Woche mit dem jeweils gerade nicht betreuenden Elternteil zulassen wollte. Inzwischen ist Luis auch psychisch auffällig gewesen.

 

Bei meinem Besuch im väterlichen Haushalt versteckte er sich zunächst unter dem Esstisch. Später, beim Spiel mit seiner Lego-Familie, erzählte er mir, dass er gar keine Mama habe und schon gut allein zurechtkäme. Daran zeigt sich sehr deutlich, wie sehr Kinder durch die Trennungskonflikte ihrer Eltern unter Druck geraten, weil sie in ihren Grundbedürfnissen nach Verbundenheit und Autonomie nicht mehr gesehen werden.

 

Der Konflikt entspann sich nun vordergründig am Aufenthaltsbestimmungsrecht, weil beide Eltern den Hauptwohnsitz ihres Sohnes an ihrer Adresse wissen wollten. Tatsächlich ging es um die „strategische“ Positionierung wegen der Schulwahl, wobei die Einschulung noch knapp zwei Jahre Zeit für Klärung bietet. Sein Papa wollte Luis mit seinem Cousin auf die gleiche Schule schicken, wie es vor der Trennung noch von beiden Elternteilen beschlossen wurde. Seine Mama möchte ihn nun in ihrer Nähe einschulen lassen, gleich neben seinem jetzigen Kindergarten und gemeinsam mit den Freunden, die er dort schon längst gewonnen hat. Bisher sei man auch wegen Kommunikationsproblemen nicht auf einen Nenner gekommen. Durch das nun anhängige gerichtliche Verfahren und die damit verbundenen Schriftsätze der Anwälte ist eine zusätzliche Verschärfung eingetreten.

 

Sollte eine solche Entscheidung vom Familiengericht getroffen werden? Prinzipiell ist das natürlich möglich, beträfe aber nicht den Teil der gemeinsamen elterlichen Sorge bzgl. der Aufenthaltsbestimmung, sondern der Entscheidung über die schulischen Angelegenheiten als einen von mehreren Bestandteilen des Sorgerechts. Das Gericht wird in der Regel aber immer versuchen, die Verantwortung an die Eltern zurückzugeben und über Zwischenvereinbarungen der Eltern den Weg in eine Mediation bzw. Familienberatung zu ebnen. Zu groß ist die Gefahr, dass durch eine Entscheidung des Gerichts noch mehr Konflikte zwischen den Eltern zulasten des Kindes geschürt werden, dass sich der Verlierer dann in wesentlichen Themen in seinem Engagement für das gemeinsame Kind ausgegrenzt fühlt.

 

Der Versuch seines Vaters, die Unterschrift der Mutter als Einverständniserklärung für einen (inzwischen schwer zu findenden) Therapeuten für Luis zu erhalten, ist daran gescheitert, dass diese sich bei der Wahl des Psychologen vom Vater übergangen fühlte. Ich habe es bei meinen Vermittlungsbemühungen im Vorfeld der gerichtlichen Anhörung immerhin geschafft, bei der Therapeutensuche zwischen den Eltern zu vermitteln. Leider konnte ich den Vater von Luis noch nicht davon überzeugen, direkt zur Familienberatung zu gehen, ohne den Umweg über das Gericht. Es war ihm wichtig, zunächst die juristischen Optionen auszuloten, auch wenn ich ihm die oben skizzierte kindeswohlorientierte Perspektive mehrfach dargelegt hatte. Für Luis war das natürlich ein Problem, weil er ebenfalls vom Richter befragt werden sollte und Angst hatte, sich positionieren zu müssen. Für Kinder, die gerade eine kurze Zeit auf dieser Welt sind und deren Sicherheitsbedürfnis durch die Trennung und Streitigkeiten der Eltern schon immens verletzt sein dürfte, ist dies wahrscheinlich der Supergau: Luis kam mit seinem Papa zum Gericht und hatte große Probleme, sich seiner Mama zu zeigen. Hinzu kam noch Stress, weil die Anwältin seiner Mama ihn vor dem Gerichtssaal beeinflussen wollte…

 

Die Eltern konnten sich unter Vermittlung von Richter, Jugendamt und Verfahrensbeistand letztlich darauf einigen, die Zeiten für Luis ohne den gerade nicht betreuenden Elternteil erheblich zu verkürzen und sich bzgl. der Schulwahl eine Familienberatung zu suchen, die ihnen bei der Klärung hilft. Als seine Eltern ihm dies in meinem Beisein nach der Verhandlung erklärten, konnte er sie ganz spontan beide zugleich in seine Arme nehmen und fest an sich drücken...

 

Es muss eine unheimliche Last von ihm gefallen sein, die eigentlich gar nicht nötig gewesen wäre und die leider vielen Kindern zum Teil über viele Jahre nicht erspart bleibt. Diese Erfahrung, die Verletzung ihrer Grundbedürfnisse, dürfte später eine wichtige Rolle spielen, wenn sie sich selbst in dieser Situation wiederfinden sollten. Manchmal erleben Kinder als Eltern das Gleiche wie ihre Eltern, weil deren Eltern ihnen ggf. dies ebenfalls zugemutet hatten. Deshalb benehmen sich Eltern manchmal wie Kinder. Oder besser gesagt, sie benehmen sich als Erwachsene (unterbewusst) noch immer so, wie sie es von ihren Eltern gelernt haben. Ich glaube, der (in diesem Bezug traurige) Satz stammt von dem Komiker Karl Valentin: „Wir brauchen unsere Kinder nicht zu erziehen, sie machen uns sowieso alles nach.“ Schon deshalb sollten Eltern alles tun, um ihren Kindern solche Erfahrungen zu ersparen und damit nicht erst beginnen, wenn sich der andere Elternteil „endlich“ bewegt…

 

 

 

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