· 

Trennungskinder zum Weihnachtsfest oder: die sozialen Zwänge einer schwarzen Null

Dieses Thema dürfte so vielfältig sein, dass man den verschiedenen Dimensionen in einem Blog-Beitrag kaum hinterherkommen kann. Für einige dieser von Trennung der Eltern betroffenen wird es das erste Mal sein, dass sie zwei Weihnachtfeste hintereinander mit immerhin doppelter Bescherung feiern. Und die Erinnerung an die meist schwierige Trennungsphase ihrer Eltern steckt ihnen vielleicht noch immer in den „Knochen“. Die meisten wünschen sich sicherlich die gemeinsamen Erlebnisse zurück und sind doch froh, wenn der Streit endlich nachgelassen hat. Wenn das denn wirklich schon der Fall ist. Und auch nicht alle Kinder, deren Eltern noch zusammenleben, können mit diesen wirklich entspannte Feiertage genießen.

 

Viele der Trennungskinder sind in diesen Tagen quer durch die Stadt, Region oder gar durchs ganze Land unterwegs, um vom einen zum anderen geliebten Elternteil zu gelangen. Ökologisch gesehen hoffentlich inzwischen vor allem mit der Bahn. Manche werden auf einen von diesen verzichten müssen und können ihre dadurch verursachten Gefühle vielleicht nicht einmal offen zeigen. Irgendwo hofft ein Kind, ein Vater oder eine Mutter wohl vergeblich, dass sich an den einsamen Weihnachten noch etwas ändert, weil vielleicht noch ein Wunder geschehen könnte…

 

Aber manchmal geschieht so ein Wunder eben doch. Jurek (13), Sarah (5) und Lena (3) (Namen geändert) konnten nach zwei Jahren(!) endlich wieder ihre Mama in die Arme schließen. Wenn Kinder in so jungen Jahren so lange auf eine so enge Bezugsperson ganz plötzlich verzichten müssen, dann dürften traumatische Verlustängste entstanden sein, die nur mit professioneller Hilfe überhaupt eine Chance bekommen, aufgearbeitet zu werden.

 

Ich habe so eine Geschichte noch nicht erlebt. Die auf mich sehr ängstlich-zurückhaltend wirkende Mutter hatte kurz vor Weihnachten auf Drängen ihres neuen Partners endlich einen Antrag bei Gericht gestellt. Ihren Bitten zur Schaffung von begleiteten Umgangsmöglichkeiten wurden vom Jugendamt mangels Kapazitäten zuvor mehrmals nicht entsprochen. Dadurch ist zusätzlich viel Zeit ohne Kontakte ins Land gegangen. Wie mir die Mutter bei unserem Kennenlernen erzählte, habe sie dem Vater beweisen wollen, dass er es ohnehin nicht allein schafft und irgendwann von selbst aufgeben wird, die Kinder allein zu erziehen.

 

Aus der mir bisher bekannten Konstellation heraus würde ich die Hypothese aufstellen, dass ein durch Verlassenwerden sehr verletzter Mann, der in der Beziehung offenbar die erheblich dominante Rolle gespielt hatte, die Kinder für sich beanspruchte und seiner Ex-Partnerin dadurch zumindest unterbewusst den Schmerz der Zurückweisung zurückgeben wollte. Da er aber – wie mir sein Sohn erzählte – von früh bis spät und teils sogar am Wochenende arbeitete, hat er die Kinder im Wesentlichen von seiner längst verrenteten Mutter betreuen lassen, die das ganze Spiel mitgemacht hat. Dabei soll nicht unerwähnt bleiben, dass der Vater noch Hauptbezugsperson für ein zusätzliches eigenes und die Großmutter die Hauptverantwortung für noch ein weiteres Kind (von einem anderen ihrer Söhne) ist. Ich muss das System in der Tat noch besser verstehen lernen, welches mir wie eine verkehrte Welt vorkommt. Was ein verletztes Ego bzw. eine zu starke Zurückhaltung so alles an Kinderseelen anrichten und damit neue verletzte Egos schaffen kann…

 

Aber immerhin hat sich der Vater nach Rücksprache mit seinem Anwalt auf meine deutliche Ansage eingelassen, dem Wunsch der Kinder nach Kontakt zu ihrer Mutter zu entsprechen. Dabei konnte die für die Kinder eng vertraute Großmutter als wichtige „Ressource“ genutzt werden, indem sie an der Wiederbegegnung der Kinder mit ihrer Mutter teilnahm und so vor allem den beiden kleinen die erforderliche Sicherheit verleihen konnte. Es war eine Wiederbegegnung, die mir sehr unter die Haut ging. Nicht nur die lange Umarmung Jurek´s mit seiner Mutter, sondern auch die Unbeholfenheit der beiden jungen Mädels mit ihr, die sich nur langsam auflöste. Die Mädchen hatten anfangs echte Mühe, sich mit ihr einzuschwingen, hatten sicher kaum oder gar keine bewussten Erinnerungen mehr an sie. Aber mit den selbstgehäkelten Kuscheltieren und den Barbies auf dem Gabentisch hat sich die Distanz zumindest nach außen hin schnell gelöst.

 

Die Realisierung begleiteter Umgänge zum Wiederaufbau von Beziehungen o.ä. scheint vielerorts zumindest an den Wochenenden aufgrund personeller Engpässe bei den freien Trägern ein echtes Problem zu sein. Ich habe aber das Gefühl, dass das Jugendamt in diesem Fall viel schneller die Problemsituation hätte erfassen müssen. Leider gibt es so viele noch dringlichere Fälle von Kindeswohlgefährdung, dass die Jugendämter aufgrund der erheblichen Sparpolitik kaum hinterherkommen und die weniger gefährlichen Gefahren von Entwicklungsstörungen in der Priorisierung stark herunterstufen. Was nützt uns eine schwarze Null in der Finanzpolitik, wenn die Probleme, die sie schafft, immer mehr Kosten durch immer mehr Gefährdungen in der Zukunft erzeugt? Wäre es nicht besser, heute mehr in Quantität und Qualität des Helfersystems zu investieren, statt die Probleme in die Zukunft zu verlagern? Irgendwie ergeben sich für mich Parallelen zur bisherigen „Klimapolitik“, die lange Zeit nicht in der Lage war, die externen Kosten unseres Handelns in die Rechnung einzubeziehen, und damit die Bedrohung der (Über-)Lebensgrundlagen heraufbeschworen hat, die uns heute teurer zu stehen bekommen, als es nötig gewesen wäre…

 

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0