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Endlich wieder richtig Vater sein...

Ich hatte Ende des vergangenen Jahres über Trennungskinder geschrieben, die sich plötzlich von einem Elternteil zurückziehen, weil sie die verfahrene Situation zwischen beiden gerade nicht aushalten. Motiviert hat mich der Fall eines Vaters, der mich Anfang letzten Jahres um Unterstützung bat, weil er sich in genau dieser Situation befand.

 

Dieser Vater rief mich nun an, weil seine Tochter plötzlich vor seiner Tür stand und bei ihm einziehen wollte. Er hatte schon nicht mehr richtig daran geglaubt, sobald wieder ein liebevolles miteinander zu haben, wie sie es früher hatten. Zwar gab es sporadisch Kontakt via WhatsApp, manchmal traf er sie vor der Schule. Aber immer sei alles sehr distanziert gewesen.

 

Der Vater hatte sich nach den Gesprächen mit mir – schweren Herzens – dafür entschieden, ihr Zeit zu geben und keine gerichtlichen Aktivitäten zu starten. Auch wenn er davon ausging, dass es eine Beeinflussung durch ihre Mutter gäbe. Immerhin konnten sich Vater und Mutter trotz der schwierigen kommunikativen Basis nun endlich darauf verständigen, dass die Tochter eine Psychotherapie beginnt. Dies hatte ihnen vor längerer Zeit ein Arzt empfohlen, der organische Ursachen für ihr Einnässen ausschließen konnte. Durch diese Therapie gab es zwar wieder Gespräche zwischen ihm und der Tochter, die aber weiterhin nur Ablehnung signalisierten. Doch offenbar haben ihr die therapeutischen Gespräche letztlich gutgetan.

 

In den Herbstferien war sie dann bereit, mit ihm und ihrer Schwester für ein paar Tage nach London zu fliegen. Das Verhältnis erschien dem Vater plötzlich wieder sehr entspannt. Doch nach der Reise hat sie den Kontakt umso nachhaltiger erneut abgebrochen. Zu Weihnachten war sie bereit, mit zu seinen Eltern zu fahren, hat sich dort aber nach der Beschehrung wieder zurückgezogen und wirkte verstört. Es machte den Eindruck, als wolle sie nur nicht auf die Geschenke und Reisen verzichten, aber ansonsten nichts mit ihm zu tun haben. Der Vater hat nach Rücksprache mit mir an diesem Weihnachtstag versucht, ein Gespräch mit ihr zu führen. Er hat ihr signalisiert, dass er ihr keinen Druck machen werde, ihr aber empfohlen, sich selbst die Frage zu stellen, warum sie einerseits mit ihm verreist, dann aber den Kontakt wieder abbreche.

 

Nun stand sie plötzlich vor seiner Tür und wollte bei ihm einziehen. Sie habe sich mit Mama verstritten, das gehe schon seit Monaten so. Sie käme heim, Mama würde sie nicht beachten, sie würde in ihr Zimmer gehen und nur noch weinen. Sie habe inzwischen sehr dunkle Gedanken und wolle manchmal nicht mehr leben.

 

Scheinbar hat der Vater richtig reagiert, indem er ihr erstmal eine Schulter zum Anlehnen und Aussprechen geboten hat. Er habe ihr erklärt, was er selbst in dieser Zeit gedacht und gefühlt habe, welche Ängste er hatte. Sie haben ihr Zimmer bei ihm neu eingerichtet, einen Schreib- und einen Schminktisch gebaut und ein neues Bett gekauft. Sie hat sich richtig eingerichtet bei ihm. Der Vater fühlt sich unheimlich stolz, so plötzlich wieder ein echter Vater sein zu können, was nach der Trennung leider nicht mehr gelungen sei. Endlich könne sich seine Tochter ihm gegenüber wieder emotional öffnen. Das erinnere ihn sehr an früher. Vorbei der ganze Ärger der letzten Jahre, als er sie gern öfter gesehen hätte.

 

Aber neben der Sorge um ihre „dunklen Gedanken“ stehen auch echte organisatorische Herausforderungen auf dem Plan. Seine Partnerin lebt 150 km entfernt und eigentlich hat er sich in den letzten zehn Jahren beruflich und privat eher bei ihr eingerichtet. Zwar kann er als Selbständiger beruflich viel von zu Hause aus erledigen, aber andererseits gibt es wichtige Termine, die er nicht beeinflussen kann. Doch es ist klar, dass er für sie da sein wird, wenn sie ihn braucht.

 

Wie es nun weiter gehen wird, war seine Frage und wir haben lange darüber gesprochen, was für die Tochter und für ihn nun wichtig sein könnte. Auch auf die jüngere Schwester muss nun geschaut werden, die sich ja auch so ihre Gedanken macht und gerade damit beschäftigt ist, Mama zu trösten. Und auch das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter muss angeschaut werden. So, wie es ungesund war, ihren Vater abzulehnen, so wird es ungesund sein, jetzt gänzlich der Mutter aus dem Weg zu gehen. Andererseits braucht es aber erstmal etwas Abstand und es muss auch bei dieser geschaut werden, was sich ändern sollte, damit eine normale Beziehung zu ihrer Tochter bald wieder möglich ist. Auch wenn es ihr schwerfällt, wäre sie sicher gut beraten ebenso besonnen auf die Situation zu reagieren, wie es der Vater im letzten Jahr getan hat. Wichtig erscheint mir, dass der Vater die Tochter darin bestärkt, diese Beziehung allmählich wieder anzugehen.

 

Es kann sein, dass es eine Beeinflussung der Tochter durch die Mutter gab. Wenn der Vater seiner Tochter etwas Gutes tun will, dann sollte er nicht Gleiches mit Gleichem vergelten. Denn das zerreißt die Kinder emotional. Zumal es nicht wirklich sicher ist, welchen Anteil die Mutter wirklich hat. Vielleicht war es auch die schwierige Kommunikation der Eltern, das Gegenseitige sich provoziert fühlen, was sie aufgrund der seit fast zehn Jahren unaufgearbeiteten Konfliktlage noch immer vor sich herschleppen. Damit behindern die Eltern nicht nur sich selbst, sondern stören vor allem die Identitätsfindung der Kinder. Wir haben zudem das Kommunikationsproblem zwischen Mutter und Tochter und vielleicht – so reflektiert der Vater – habe die Kontaktpause mit seiner pubertierenden Tochter auch eine Meinungsverschiedenheit zwischen ihnen verursacht, weil er ihre Gefühlslage damals nicht richtig verstanden hatte.

 

Also haben wir drei kommunikative Konfliktbeziehungen (Vater-Mutter, Tochter-Vater und Tochter-Mutter) gehabt, die alle für sich genommen einen Anteil an der verfahrenen Situation gehabt haben könnten und sich gegebenenfalls gegenseitig verstärkt hatten. Es ist in der Tat immer schwer, alle relevanten Faktoren zu sehen, die zu einer Kommunikationskrise führen, wenn man nicht angemessen miteinander darüber redet.  Aber eben das ist ja das Problem. Weil dann jeder nur sein eigenes Erleben als Grundlage für seine subjektive Interpretation heranziehen kann. Vielleicht machen wir es uns dann allzu leicht, die anderen als alleinige Ursache zu sehen.

 

Natürlich soll damit nicht verharmlost werden, dass es viele ernstzunehmende Fälle gibt, in denen man Entfremdungssituationen mit seinen Kindern hilflos ausgeliefert ist. Aber vielleicht sollte man nicht alle solche Fälle als identisch interpretieren, sondern sich die Situation sehr genau ansehen. Wie würden die Eltern aus dem oben beschriebenen Beispiel stattdessen auf den anderen reagieren, wenn sie davon ausgehen könnten, dass der jeweils andere wie man selbst nur das beste will oder ebenfalls nur Ängste hat, mit denen er irgendwie klarkommen muss? Was würde sich ändern, wenn man die Reaktion des anderen besser als direkte oder indirekte Handlung auf das eigene Agieren verstünde? Was hätte es für einen Effekt auf den Gegenüber sowie für die Kinder, wenn wenigstens einer von beiden diese Einsicht hätte und auch danach handeln würde? Wie viele Gerichtsverhandlungen, wie viel Stress nicht nur für uns, sondern vor allem auch für die Kinder, könnten wir vermeiden, wenn wir dies besser im Blick hätten?

 

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