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Wenn ein Trennungskind "ein Auge zudrückt"

Ich spiele in der Überschrift mit einem umgangssprachlichen Ausdruck, der für tolerantes Verhalten steht. In der Tat will ich damit aber nicht von einem Erleben berichten, in dem ein Kind in der Trennungs- oder durchaus länger währenden Nachtrennungsphase Toleranz mit seinen (streitenden) Eltern walten lässt. Ganz im Gegenteil geht es mir hier um ein sehr ernstes Thema: Entfremdung. Warum wenden sich Kinder aus scheinbar unerklärbaren Gründen und völlig unerwartet gegen einen bisher sehr vertrauten Elternteil?

 

Eine Psychiaterin versuchte mir das einmal wie folgt zu erklären: Ich solle mir vorstellen, wie es ist, wenn man schielt. Dann sähe man zwei Bilder vom gleichen Objekt, die aber verschoben sind und die man nicht deckungsgleich zusammen bekommt. Dadurch sei räumliches Sehen nicht möglich. Und vor allem: Auf Dauer hält man das Doppelbild nicht aus. Die Lösung bestehe dann darin, ein Auge einfach zuzudrücken.

 

Übersetzt heißt das für ein stark belastetes Trennungskind offenbar: Ich halte es nicht mehr aus, in zwei Welten leben zu müssen, die nicht zueinander finden, die nicht harmonisch miteinander umgehen können. Egal, wer daran „schuld“ ist, ob sich beide Elternteile nichts schenken, oder ob eines vor dem Kind immer gegen einen rücksichtsvolleren Elternteil zündelt. Es kann sein, dass das Kind gar keine richtigen Gründe dafür benennen kann, sich aber dennoch weigert, Kontakt mit dem betroffenen Elternteil aufzunehmen. Verbunden ist das aber nicht selten auch mit einer tatsächlichen verbalen und auf Begründungen beruhenden Ablehnung jenes Elternteiles, der aufgrund des geschlossenen Auges nicht mehr in Sichtweite ist. Verstärkt werden solche Tendenzen mit zunehmender Massivität der Auseinandersetzung, sicher auch des Zeitraumes, den das Kind im „schielenden“ Modus ausharren musste oder des Alters des Kindes usw. Ein Pubertier ist dabei noch ganz anderen Belastungen ausgesetzt und versucht zunehmend eigene, wenn auch für uns z.T. fragwürdige Antworten auf die Situation zu finden, die dann zudem weniger von außen beeinflussbar sind als bei jüngeren Kindern.

 

Wie geht man damit um? Das ist sicher sehr von den Ursachen abhängig, die man aber erstmal genauer herausbekommen muss. Und natürlich vom gesamten Kontext, der dieses Kind umgibt und zu einer Lösung bzw. Verschlimmerung der Situation beitragen könnte. Die Tendenz geht in solchen Situationen aber erstmal in Richtung Konfliktverschärfung, weil die von den betroffenen Elternteilen genutzten Erklärungsmuster dem Stressmoment folgend nicht gerade flexibel sind und in der Regel allein am kindeswohlgefährdenden Verhalten des anderen Elternteils festgemacht werden. (Und der Anwalt gibt dann seinerseits noch eine Eskalations-„Kelle“ drauf.) Das kann sogar sein. Muss aber nicht oder nicht allein die Ursache sein. Nicht selten wird dann auch Unverständnis und Enttäuschung gegenüber dem Kind selbst geäußert, dass sich auf die andere Seite geschlagen habe. Warum auch immer. Es ist auch nicht so, dass dann immer der ohnehin schon weniger in die Betreuung des Kindes eingebundene Elternteil ausgegrenzt wird.

 

Dann sehen viele Betroffene eigentlich nur noch eine Lösung: Das Gericht anrufen und die Erstellung eines Gutachtens, dass den Missbrauch des Kindes beweisen wird. Vielleicht ist das auch wirklich notwendig. Die Frage ist jedoch, was das mit dem Kind macht und wie sich das auf Möglichkeiten der Konfliktentschärfung auswirkt. Deshalb sollte man dabei sehr differenziert und vorsichtig vorgehen, um nicht noch mehr einzureißen, als schon geschehen. Aus meiner Sicht wäre es aber unbedingt notwendig, einen Psychotherapeuten für das Kind zu installieren, der dieses in der schwierigen Zeit begleiten kann...

 

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