· 

Mein(e) Ex ist Psycho

Ich höre nicht selten von einem der Elternteile den Verdacht, der andere wäre wahrscheinlich – manchmal sogar mit Sicherheit – psychisch krank. Die Art, wie diese(r) sich verhalte, ließe nur diesen einen Schluss zu. Zum Teil werden sogar schon eindeutige Diagnosen abgegeben. Und die Logik der damit verbundenen Erklärungen scheint auch mir zunächst irgendwie einzuleuchten.

 

Es kann sein, dass es so ist. Aber bevor man sich darin festlegt, sollten einige Dinge bedacht werden. Zunächst: Wir sind keine Psychologen oder Psychiater, die zur Feststellung von Störungen bzw. Krankheiten dieser Art geeignete Tests zur Verfügung haben. Selbst wenn wir uns im Internet schon allein auf die Suche gemacht und eindeutige Kriterien gefunden zu haben scheinen, sollten wir dies mit Vorsicht genießen. Denn in einer angespannten Situation wie einer Trennung fällt es nicht schwer, eine Übereinstimmung des selbst wahrgenommenen Problems mit dem/der Ex in den Kriterien für eine psychische Störung wiederzufinden. Zum Teil fällt es dann sogar schwer, sich für eine von mehreren möglichen Diagnosen zu entscheiden, die alle irgendwie passen würden. Aus dieser Perspektive leitet sich dann oft auch die jeweilige Einschätzung ab, inwieweit die betroffenen Kinder von einer solchen Störung beeinflusst werden und ob damit nicht auch die Erziehungsfähigkeit der anderen Partei in Frage zu stellen sei.

 

Meine erste Frage in solchen Situationen ist oft, was jemand, der (psychisch) krank ist, am meisten brauche. Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob denn dieses Verhalten beim anderen schon immer so gewesen ist und warum dann so eine (in der Regel langjährige) Beziehung überhaupt funktioniert hat. Oft stellen meine Gesprächspartner dann fest, dass sie in der Tat zunächst eine liebevolle Gemeinschaft lebten. Es stellt sich dann die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass der/die Ex irgendwann erkrankt sei. Es könnte an den Verstellungskünsten der Betroffenen gelegen haben. Es kann aber auch sein, dass die Beziehung selbst die Ursache für das ist, was man nun beim anderen für krank erklärt. Oder was diese(n) tatsächlich krank gemacht hat! Es könnte ja sein, dass die Beziehung selbst „krank“ war und es zumindest für die nächste Liebe und im Interesse der betroffenen Kinder wichtig wäre zu wissen, woran das gelegen haben könnte.

 

Dabei geht es gar nicht um Schuld eines oder beider Elternteile, sondern um die Anteile, die jeder aufgrund seines Charakters, Temperaments, seiner unbewussten Handlungsmuster aus der Kindheit usw. mit in das Problem eingebracht hat und die vor allem nach der rosaroten Verliebtheitsphase zunehmend vom Partner registriert, reaktiv beantwortet und irgendwann als Ursache für den Beziehungsstress postuliert werden.

 

Es wäre wichtig, dies wenigstens jetzt aufzuarbeiten, weil wir es ansonsten unseren Kindern wieder mit auf den Weg geben und die dann in ihrem späteren Beziehungsleben die Hausaufgaben machen müssen, die wir liegen gelassen haben. Zumal der Trennungsstreit und darin vor allem der Streit um die künftige Betreuungsstruktur der Kinder eine Fortsetzung der am Ende destruktiven gemeinsamen Beziehung ist, die umso weniger dramatisch und langfristig sein wird, je mehr beide Ex-Partner diese ggf. mit externer Hilfe allein oder gemeinsam verarbeitet haben.

 

Ein Beispiel, was passieren kann, wenn selbst die begleitenden bzw. unterstützenden Professionen in den Sog der Vermutung psychischer Krankheiten als Ursache für den Beziehungs- bzw. Trennungsstress geraten: Ich habe vor etwa anderthalb Jahren einen Fall übernommen, bei dem zuvor bereits ein Elternteil das alleinige Aufenthaltsbestimmungsrecht (ABR) in einem Sorgerechtsstreit erhielt. Dieser ist dann mit dem gemeinsamen, noch nicht einmal zweijährigen Kind in eine ca. 200 Kilometer vom ehemaligen Wohnort entfernte Stadt gezogen, was vor der ABR-Entscheidung nicht bekannt war und wovon auch nicht ausgegangen werden konnte. Der andere begehrte die Rückführung des Kindes.

 

Die Vergabe des alleinigen ABR ist ein entscheidungsorientiertes Instrument, das in den wenigsten Fällen Ruhe in die Situation bringt, wie auch dieser Fall zeigt. Der andere Elternteil hatte das ABR verloren, weil er sich im Endstadium der Beziehung in stationäre psychologische Hilfe begeben musste (Kurzfassung!). Dies brachte Jugendamt und Verfahrensbeistand dazu, die Empfehlung auszugeben, das Kind hauptsächlich beim anderen Elternteil betreuen zu lassen. Der Vertreter vom Jugendamt hat es nicht einmal für nötig gehalten, den nun bei der Kindesbetreuung benachteiligten Elternteil anzuhören, bevor er sich eine Meinung bildete. Der Verfahrensbeistand hätte nur kurz mit diesem gesprochen, weil sein Auto mangels Parkfläche in dieser Zeit im Parkverbot gestanden hätte. Eine wirklich tiefergründige Beschäftigung ist nach mir vorliegender Aktenlage nicht erfolgt. Offenbar war er von der einseitigen Stellungnahme des Jugendamtes bereits beeinflusst.

 

Als ich den Fall übernahm, war mir nach den Gesprächen mit den Eltern sehr bald klar, dass die psychischen Auffälligkeiten der einen Seite nicht nur aufgrund des als Kind selbst erlebten sexuellen Missbrauchs, sondern vor allem auch aufgrund der destruktiven Situation einer sogenannten On-Off-Beziehung mit massiven psychischen Druck von der anderen Seite ausgelöst wurde. Letztlich haben sich wohl beide Seiten nicht viel genommen, weil beide unter Druck standen und mit der Situation überfordert waren.

 

Ich hätte nicht gedacht, dass hier noch ein lösungsorientierter Ansatz fruchten könnte, aber er zeichnet sich inzwischen zumindest vorübergehend ab. Nach einem chaotisch-missglückten Gutachterversuch, empfiehlt die Expertin des zweiten Anlaufs nun ein Wechselmodell im zweiwöchigen Rhythmus. Ich hatte zunächst Bedenken gehabt, weil ich davon ausgegangen bin, dass für ein Kleinkind ein solcher zeitlicher Abstand von einer wichtigen Bezugsperson viel zu groß sei. Zudem wird in solchen Gutachten dem Kontinuitätsprinzip oft die entscheidende Bedeutung zuerkannt. In unserem Fall jedoch schien es wichtiger, die anfangs enge Bindung zu dem in den letzten anderthalb Jahren stark ausgegrenzten Elternteil wieder zu stärken. Wenn die Eltern das Kind in der Zwischenzeit beim jeweils anderen besuchen und während der Arbeitswoche die elektronischen Medien für den Kontakterhalt nutzen, dann erscheint das durchaus als sinnvolle Lösung. Allerdings wird man in drei-vier Jahren noch einmal vor die Frage gestellt, wie eine möglichst enge Betreuung durch beide Elternteile erfolgen kann, wenn das Kind eingeschult werden soll.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0