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Warum ein Verfahrensbeistand systemisch denken muss

Meine erste Bestellung als Verfahrensbeistand bekam ich von einer Richterin, die mir sagte, sie sei gerade von einer Schulung zurückgekehrt und habe erfahren, dass nur Verfahrensbeistände mit einer systemischen Ausbildung wirklich gut arbeiten könnten. Und eine solche Ausbildung konnte ich vorweisen. Systemisch, das heißt im hier relevanten Falle, dass sich der Verfahrensbeistand den gesamten familiären Kontext betrachtet und versucht, die entstandenen Probleme aus diesem System mit seinen Wechselwirkungen heraus zu verstehen und nicht einzelne Personen in diesem System allein dafür verantwortlich macht. Auf dieser Grundlage kann er dann eine Verbesserung der Situation für die Kinder mit den Eltern ressourcen- und lösungsorientiert erarbeiten.

 

Vielleicht kann man das am besten anhand der Abgrenzung des Verfahrensbeistandes vom Familienrechts-Anwalt erklären. Solche Anwälte erhalten von ihren Mandanten den Auftrag, deren Interessen durchzusetzen. Und wie schon an anderer Stelle beschrieben, fühlen sich beide Mandanten in einem solchen Verfahren in einer Angstsituation, scheinbar bedroht vom jeweils anderen mit seinen subjektiven und in der Kindheit erlernten Denk- und Verhaltensmustern. Die jeweilige Sicht wird vom relevanten Anwalt mangels Kontextwissen meist einfach aufgenommen und in das familienrechtliche System eingeordnet, so dass er den geeigneten Antrag im Interesse seines Mandanten stellen bzw. einen solchen von der Gegenseite mit den richtigen Argumenten abweisen kann. Dort steht neben dem eigentlichen Begehren in der Begründung, dass der Mandant aufgrund des fehlerhaften Verhaltens des „gegnerischen“ Elternteils sein Begehren nicht realisieren kann bzw. deshalb eine andere Struktur von Umgangs- oder Sorgerecht notwendig sei. Mit anderen Worten steht dort oft sehr unkritisch zu lesen: „Du böse! Ich gut! Schon immer.“ Ein Familienrichter sagte mir einmal: „Anwälte versuchen einen Streit oft mit Benzin zu löschen.“

 

Es ist interessant, dass viele Familienrechtsanwälte nebenbei auch als Verfahrensbeistände arbeiten, was wie ich zeigen will, eine ganz andere Denkweise verlangt. Der Verfahrensbeistand geht nämlich zu den streitenden Parteien und hört sich ihre jeweilige Sichtweise nochmal detailliert an, um zu verstehen, wie er für seinen Mandanten – das Kind! – richtig Stellung beziehen kann bzw. was sich zwischen den Eltern ändern müsste. Wenn ich die Geschichte der Mutter höre, denke ich oft erstmal: „Oh. Die arme. Was die mitmachen muss.“ Komme ich dann zum Vater (es kann natürlich auch genau andersherum sein!), denke ich wieder: „Oh. Der arme. Was der mitmachen muss.“ Aufgrund der subjektiven Sichtweisen finden beide die einfachste Erklärung für den Konflikt in den Charaktereigenschaften des anderen. Denn anders können sie es sich nicht erklären und eine gegenseitige Verständigung scheitert immer wieder, weil sich einer vom anderen in seinen Aussagen provoziert oder nicht verstanden fühlt.

 

Ein entscheidungsorientierter Verfahrensbeistand würde sich jetzt aufgrund der Vergabe von „Sympathiepunkten“ für eine der Versionen entscheiden. Das „gelingt“ zum Beispiel recht einfach, wenn einer schon irgendwie auffällig gewesen ist oder eine psychische Behandlung wahrnehmen muss. Da lässt sich schnell vermuten, dass er schuld sein könnte, was gegebenenfalls auch durchaus ein wesentlicher Aspekt des Problems sein könnte. Tatsächlich arbeiten Verfahrensbeistände zum Teil heute noch entscheidungsorientiert. Im Internet bin ich vor einiger Zeit auf einen Zeitungsartikel gestoßen, wo eine Sozialarbeiterin von ihrer langjährigen Arbeit als Verfahrensbeiständin berichtet. Sie erklärte, sie würde versuchen herauszufinden, was das Kind wirklich wolle und gäbe dann eine Empfehlung ab, welcher Elternteil besser für das Kind sorgen kann. Als wäre der Wunsch des Kindes – von tatsächlich kindeswohlgefährdeten Fällen einmal abgesehen – am Ende nur noch einen Elternteil in der Verantwortung zu sehen. Als würde das den Konflikt entschärfen. Als würden wir nicht alle auch mal Fehler machen. Zumal im Trennungsstress. Als wäre die Welt schwarz und weiß und sonst nichts…

 

Vielleicht an dieser Stelle ein Beispiel für einen Fall, wo ein Vater seine Tochter aufgrund der Weigerung der Mutter schon ein paar Monate nicht mehr sehen konnte, weil die Mutter ihm Drogenkonsum während der Umgangszeit mit dem gemeinsamen Kind vorwarf. Der Vater gab zu, ab und zu Drogen zu nehmen, aber nur aus Spaß und keinesfalls, wenn er das Kind betreut. Allerdings habe bei einer Untersuchung Kontakt des Kindes mit Drogen nachgewiesen werden können. Ein Beweis dafür, dass dieser beim Vater erfolgte, war das freilich nicht. Das Kind war drei Jahre, so dass man nur recht eingeschränkt den Willen des Kindes verbal erfassen konnte. Aber ich habe den Vater mit seiner Tochter bei einem ersten wieder stattfindenden Umgang begleitet und wusste ziemlich schnell, was das Kind möchte. Nachdem ich begann, das System zwischen und um die Eltern meiner kleinen Mandantin zu ergründen, habe ich bald gemerkt, dass es hier eher um recht flexible Beziehungsgeflechte, Eifersüchteleien und Sorgen einer engagierten Mutter ging, aber nicht wirklich um Drogen. Die Mutter hatte jedoch nicht das Gefühl, dass sie dem Vater rechtlich beikommen kann, wenn ihre Tochter in der ersten Liebesnacht des Papas mit der Ex-Freundin ihres Bruders in der väterlichen Wohnung übernachtet. Und diese Sorge ist völlig verständlich. Denn die Tochter kannte zwar die nagelneue Freundin ihres Papas, allerdings aus einem ganz anderen familiären Bezug. Schon komisch, so plötzlich. Zumal keiner weiß, ob das nun hält und die Tochter am Ende noch mehr durcheinanderkommt. Genauso verständlich auch der Vater, der wegen seiner Montagetätigkeit nur die Wochenenden in der Heimat hat und dann mal seine Jungs von der einen Ex-Partnerin und mal seine wesentlich jüngere Tochter von der anderen betreut. Wie soll er das mit seinem Liebesleben hinbekommen? Ansprechen konnte er das Thema gegenüber der Mutter wegen der emotionalen Verflechtungen mit ihrem Bruder (der Gehörnte, dessen Ex nun das Bett des Vaters teilt!) nicht. Die Mutter bekam die Information über den Drogenkonsum übrigens von einer Frau, die ihrem von der neuen Freundin des Vaters verlassenen Bruder zuliebe(!) von einer weiter zurückliegenden liebestollen Drogennacht beim Papa der Tochter erzählte, obwohl die Mutter dieser Frau einst den Kerl ausgespannt hatte. Sieht noch jemand durch? Wenn ja: Das klingt wie bei „Verbotene Liebe“ oder so einer Soap im Fernsehen. Oder?

 

Aber wir brauchten dafür kein Gerichtsverfahren, sondern die Eltern mussten sich aussprechen und die gegenseitigen Hemmnisse in der Kommunikation verstehen und überwinden. Der Vater war damit einverstanden, sein Hauptaugenmerk in der Umgangszeit in Zukunft wieder auf die Tochter zu legen und erklärte auch, dass er keine Drogen mehr anrühren werde, auch wenn er die Tochter nicht betreut. Schöner Nebeneffekt! Die Mutter könne jederzeit unangemeldet einen Drogentest bei ihm machen. So schnell können solche Konflikte manchmal gelöst werden. Leider nicht immer.

 

Offenbar sollte man bei Konfliktanalysen besser davon ausgehen, dass nicht die Personen das Problem darstellen, sondern vor allem die Kommunikation zwischen diesen. Und genau das unterscheidet systemisch-lösungsorientiertes von entscheidungsorientiertem Denken! Natürlich ist es nicht immer leicht, in den subjektiven Sichtweisen beider Seiten den zentralen Problemkern sofort zu erkennen. Aber das wäre eigentlich die zentrale Herausforderung eines systemisch denkenden Verfahrensbeistandes: das Familiensystem entschlüsseln, die Zusammenhänge verstehen. Und beide Seiten in ihren Sorgen ernst nehmen. Dafür sollten beide Perspektiven „übereinander“ gelegt werden. Dann besteht keine Gefahr, die Lösung im Sorgerechtsentzug oder sonstigen Eingriffen in die Elternverantwortung oder die Betreuungszeiten zu suchen. Das erscheint nicht nachhaltig und nicht mit den tatsächlichen Interessen der betroffenen Kinder vereinbar.

 

Eine Richterin sagte einmal zu Beginn eines Verfahrens, bei dem ich den fünfjährigen Sohn der streitenden Eltern vertrat: „Als ich die Anträge der Anwälte las, hatte ich ein sehr viel negativeres Bild von der Situation zwischen den Eltern als durch die Stellungnahme des Verfahrensbeistandes. Das muss wohl an den unterschiedlichen Professionen liegen.“ Manchmal wünschte ich, Anwälte würden genauso systemisch denken, wie es für Verfahrensbeistände Standard sein sollte. Aber das wäre wohl noch ein durchaus schwierigeres Geschäftsmodell, als es für viele Familienrechtsanwälte ohnehin schon ist, wenn sie sich nebenbei noch als Verfahrensbeistände verdingen müssen. Vielleicht sollten streitende Eltern auch einen Verfahrensbeistand zugewiesen bekommen? Oder man fände die Lösung in einer diese systemische Sichtweise förderlichen Gebührenordnung für Anwälte. Auch das wäre eine Herausforderung für systemisch denkende Experten… 😉

 

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