· 

Motivation

Ich verstehe sehr gut, was die Eltern durchleiden, mit denen ich im Rahmen von familiengerichtlichen Verfahren oder beim Coaching arbeite. Ich verstehe es sehr gut. Ich war selbst einmal so ein Elternteil und viele von deren Verhaltensweisen erinnern mich sehr an meine eigene Situation – damals. Ich weiß, wie es ist, wenn man versucht, seine Welt, die sowieso gerade zusammenstürzt, irgendwie wenigstens halbwegs erhalten zu können. Da ist noch lange nicht klar, woran es eigentlich lag, dass die Beziehung nicht mehr funktioniert. Allenfalls macht man pauschal den Ex-Partner dafür verantwortlich (dazu später einmal mehr). Eines schien mir sicher: Ich habe doch alles versucht, die Beziehung zu retten. Familienberatung, Zeit geben, auf spezielle Wünsche eingehen, Kinder noch mehr betreuen usw. Aber egal, was ich auch anstellte, um wieder Ruhe reinzubringen. Alles ging nach hinten los bzw. wollte einfach nicht fruchten. Die Folgen waren erheblich: Konzentration auf den Beruf? Keine Chance. Immer wieder gehen einem die privaten Themen durch den Kopf. Man fühlt sich derart unter Druck und kaputt, dass nichts mehr zu gelingen scheint. Mehr noch: Es macht gar keinen Spaß mehr. Und wenn man dann noch in einer Führungsposition steckt, aber eigentlich jede irgendwie freie Minute für sich selbst braucht, dann steht schon der nächste Stress vor der Tür.

 

Was die einstürzende Beziehung betrifft, so kann man je nach Persönlichkeitstyp vielleicht noch mehr oder weniger gut damit umgehen. Ich erinnere mich an eine innere Lähmung, die lange wirkte. Was aber den größten Stress bereitet: Wie geht es nun weiter mit den Kindern? Bleiben sie mir erhalten? Und ehrlich gesagt, da ist man so mit sich selbst beschäftigt, seiner Angst, dass es tatsächlich wenig Rücksicht auf die Kinder gibt. Man sieht ihre Bedürfnisse gar nicht, weil man seine eigenen Probleme vor Augen hat und allenfalls glaubt, dass die eigenen Interessen ja mit denen der Kinder identisch sein müssen. Was für mich gut ist, dass ist auch gut für die Kinder. Ein Interessenausgleich mit dem/der Ex-Partner/in scheint sowieso einfach nicht zu funktionieren.

 

Das alles passierte in einer Zeit, in der sich Männer immer stärker aufmachten, das Thema Familie nicht nur aus der Rolle des finanziellen Versorgers zu betrachten, sondern ihre betreuenden, „weiblichen“ Anteile aus der gesellschaftlichen Verdrängung zu holen. Auch wenn das bedeutet, dass man nachts im Extremfall fünf Mal hintereinander das kleine Wesen neu einkleiden muss, weil der Inhalt der letzten Flasche immer wieder auf der Nachtwäsche landet. (Heute würde ich auch dabei mehr Gelassenheit zeigen.) Und zwischen Fünf und Sechs ist die Nacht dann sowieso zu Ende, weil das erste Kind seine Bedürfnisse in gekonnt deutlicher Weise kundtut und sich dann erst auf dem Weg von der Kita zur Arbeit wieder einigermaßen Ruhe einstellt. Es war Stress, aber eben im Vergleich zu der neuen Situation wirklich schöner Stress, den man eine Weile auszuhalten bereit ist. Mich musste niemand überzeugen, mich stärker als frühere Vätergenerationen für meine Kinder zu engagieren, auch wenn der Spagat zwischen betreuender und finanzieller Fürsorge aufgrund der damit jeweils verbundenen Herausforderungen durchaus auch zum Beziehungskonflikt beigetragen haben dürfte. Umso frustrierter muss ich dann gewesen sein, als ich merkte, dass die neuen partnerschaftlichen Normen bzgl. der gemeinsamen Erziehung der Kinder gerade in jenen Institutionen nur sehr schleichend ankamen, die nun über die weitere Gestaltung meiner Beziehung zu meinen Kindern eine erhebliche Mitsprache hatten.

 

Und ich hatte nicht verstanden, was ich tun könnte, um deren Eingriff in die Beziehung zu meinen Kindern zu verhindern. Angst macht eben nicht gerade flexibel im Denken. Heute meine ich, die Ängste, die Kinder zu verlieren, waren nur ein Teil des Problems. Inzwischen bin ich davon überzeugt, dass der Streit um das Kind eine mehr oder weniger nahtlose Fortsetzung der Beziehungskrise des Elternpaares ist. Das Nichtverstehenkönnen der anderen Perspektive führt im Kontext der ohnehin schon verletzenden Aufkündigung der Partnerschaft und damit verbundenen materiellen Konsequenzen zu Gefühlen der Herabwürdigung durch den jeweils anderen, die man sich nicht bieten lassen kann. Beide Seiten wollen sich nur noch schützen.

 

Für mich war damals niemand da, der mein Verhalten hinterfragte und einen strategischen Blick auf die Situation anbot. Und so habe ich die Zeit damit verbracht, meine Ansprüche in Form eines Betreuungsmodells zu formulieren, bei dem es mir aber trotz großer Anstrengungen einfach nicht gelingen wollte, eine quasi minutengenaue 50:50-Lösung zu entwickeln, die mit einem Betreuungswechsel zwischen Mama und Papa innerhalb der Woche einhergehen könnte. Und sicher habe ich auch kaum drüber nachgedacht, wie sich das mit meinen beruflichen Herausforderungen abgleichen lässt. Heute weiß ich zwar, dass dieser kurze Wechsel für meine Kinder aufgrund ihres jungen Alters und dem damit verbundenen speziellen Zeitempfinden im Falle eines Wechselmodells das beste gewesen wäre. Aber wenn ich ehrlich bin: das war nicht der Grund, weswegen ich mich in einem „gerechten“ Betreuungsmodell versuchte. Es war die Angst, das Wichtigste in meinem Leben, was mir nach dem Beziehungsende noch blieb, wenigstens so weit wie möglich für mich zu sichern und nicht zum Elternteil zweiter Klasse degradiert zu werden.

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0